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Die Sopranistin Anja Silja wird 80 Niemals normal

Wenige Frauen waren im Nachkriegsdeutschland der 1960er so eigenständig, so modern und so unabhängig wie die junge Berlinerin Anja Silja. Eigener Beruf, eigenes Geld, eigenes Auto. Petticoats und Lebenslust. Noch nicht einmal volljährig wurde sie in Bayreuth für die Wagner-Festspiele verpflichtet – und wirbelte mit ihrer jugendlichen Erscheinung die dortige Musikwelt durcheinander. Anja Silja ist bis heute eine ungewöhnliche und eine ungewöhnlich starke Frau. Am 17. April 2020 feiert sie in Berlin ihren 80. Geburtstag.

Anja Silja als Senta mit Frans Grass in der Titelrolle der Oper "Der fliegende Holländer" in einer Aufführung der Bayreuther Festspiele im Juli 1960 | Bildquelle: dpa - Report

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Nichts in der Sängerlaufbahn von Anja Silja verlief irgendwie normal. Die Berliner Sopranistin war von Anfang an eine Ausnahmeerscheinung, eine Individualistin, eine starke Persönlichkeit. Eine, die alles anders machte, nicht aus Protest oder Prinzip, sondern weil es für sie genau so richtig und schlüssig war. Aufgewachsen ist Anja Silja im Nachkriegsberlin beim Großvater. Wagner und das Singen waren wichtiger als die Schule. Das Talent des Mädchens war umwerfend, mit nur 16 Jahren debütierte sie auf der Opernbühne. Vier Jahre später klopfte Bayreuth an.

Als "Kindertrompete" in Bayreuth

Wieland Wagner (l) im Gespräch mit Anja Silja während einer Besprechung zu "Die Meistersinger von Nürnberg" im Juli 1963 in Bayreuth.  | Bildquelle: dpa - Report Bildquelle: dpa - Report Anja Silja war zwanzig, als 1960 in Bayreuth die Sopranistin Leonie Rysanek ausfiel und Festspielleiter Wieland Wagner händeringend eine Senta für den "Fliegenden Holländer" suchte. Dirigent Wolfgang Sawallisch setzte sich für die junge Silja ein – und sie bei Regisseur Wieland Wagner durch. Der war fasziniert von Stimme und Ausstrahlung und sprach von der "Kindertrompete". Für Anja Silja war ihr Engagement einfach nur logisch: "Wagner war von Anfang an in meinem Repertoire, und als ich dann in Bayreuth zum ersten Mal sang, kam mir das ganz selbstverständlich vor, dass das in Bayreuth sein muss", erinnert sich Silja. "Wo soll man denn sonst anfangen, habe ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn gedacht." Allerdings war der "Fliegende Holländer" die einzige Oper, die sie nicht mochte. Die Senta wurde ihre Schicksalsrolle, wie sie sagt, ihr Debüt am Grünen Hügel. Wieland Wagner und Anja Silja wurden ein Künstler- und ein Liebespaar. Die Silja damit zur Erzfeindin der restlichen Familie Wagner und gleichzeitig zur Wagner-Ikone als Elsa, Elisabeth und Isolde. Nach Wielands Tod 1966 erschienen ihr der Grüne Hügel und das Repertoire sinnlos. Mit 26 Jahren beendete Anja Silja ihre Wagner-Karriere – in einem Alter, in dem die meisten davon erst zu träumen beginnen.

Starke Nerven, starke Rollen

Anja Silja | Bildquelle: Colbert Artists Management Noch immer aktiv: Die Sopranistin Anja Silja | Bildquelle: Colbert Artists Management Der belgische Dirigent André Cluytens wurde ein Jahr später der nächste prägende Mann an ihrer Seite. Wieder nur für kurze Zeit, wieder eine Beziehung, die sie künstlerisch und menschlich enorm reifen ließ und die gesellschaftlich alle Konventionen sprengte. 1968 heiratete Silja schließlich den Dirigenten Christoph von Dohnanyi – und gründete mit ihm eine Familie. Ein Rückzug ins Privatleben folgte daraus nicht: Paris, Brüssel, Frankfurt, Chicago, New York, und zehn Jahre lang Hamburg wurden wichtige Stationen. Die Silja sang Charakterrollen, starke Frauen wie Alban Bergs Lulu und Marie, wie Janaceks Emilia Marty oder die Salome und Elektra von Richard Strauss. Sie kostete so manchen Intendanten und Kollegen viele Nerven mit ihrer imponierenden Angstfreiheit und Unabhängigkeit. So erzählt sie über sich selbst im Rückblick: "Innerhalb Deutschlands bin ich meistens mit dem Wagen am selben Tag zur Vorstellung gefahren und war dann so zwei Stunden vorher da." Das ließ ihre Kollegen bangen: Würde die Sängerin auch ankommen mit dem Auto oder nicht? Doch mit der Zeit änderte sich das: "Ich habe es inzwischen sogar zum Mittagsschlaf gebracht. Sonst ging ich immer nachmittags noch ins Kino."

Noch im hohen Sängerinnen-Alter wurde Anja Silja auf der Bühne gefeiert, etwa als Gräfin in der "Pique Dame" und als Küsterin in der "Jenufa". Auch diese Figuren verkörperte sie stimmlich wie szenisch mit Eindringlichkeit und Wucht. Zuletzt im Jahr 2018. Bei ihrer Rückkehr nach Bayreuth, nach über 50jähriger Abstinenz. Anlässlich der Wiedereröffnung des Marktgräflichen Opernhauses reüssierte sie noch einmal in einer Sprechrolle.

Obwohl sie selbst ihr Leben und ihre Karriere durch die Männer beschreibt, die sie prägten, ist die Sopranistin Anja Silja wie wenige eine moderne Frau. Und eine bewundernswert eigenständige Künstlerin.

Sendung: Allegro am 17. April 2020 ab 6.05 Uhr und in den Klassikstars am 17. April 2020 ab 18.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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