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Vladimir Jurowski zur Nachwuchsförderung "Menschsein beinhaltet alles"

Beim Münchner Festival "Stars and Rising Stars" tritt der Nachwuchs gemeinsam mit der Weltspitze auf. Dirigent Vladimir Jurowski ist auch dabei. Ein Gespräch über das richtige Umfeld zur Förderung und den wichtigen Unterschied zwischen Größe und Entfernung.

Der Dirigent Vladimir Jurowski | Bildquelle: picture alliance/Leemage

Bildquelle: picture alliance/Leemage

BR-KLASSIK: Wenn sie sich an ihre Kindheit und Jugend zurückerinnern – gab es ganz konkret jemanden, der Sie gefördert hat und gesagt hat: "Der Junge muss ans Pult"?

Vladimir Jurowski: Nein, so jemanden gab es nicht, da mein Vater ja selbst Dirigent war. Und ihm wäre es ein Gräuel gewesen, seinen Sohn zu fördern, ohne dass dieser ein deutliches Talent aufgewiesen hätte. Also gab es von seiner Seite definitiv keinen Versuch, mich in irgendetwas hineinzuziehen – bis ich mich dann selbst irgendwann meldete und sagte: Ich will Dirigent werden. Er meinte dann: Okay, das müssen wir prüfen, ob das überhaupt geht. Als er mich dann – da war ich schon 18 Jahre alt – als quasi tauglich befunden hat, hat er mich gefördert. Aber das Problem liegt eher im Alter und in der menschlichen Erfahrung, die man mitbringt. Was weiß man mit gerade 20 Jahren schon vom Leben? Das hat nichts mit Begabung zu tun.

Je mehr man in einem bestimmten Alter in sich aufgesogen hat, desto reicher und kompletter ist man.
Vladimir Jurowski

BR-KLASSIK: Wie wirkt denn das Umfeld, das einen umgibt? Wie fließt das in die Ausbildung ein? Wie spiegelt sich das, was in der Zeit stattfindet, im künstlerischen Ausdruck wider? Hat das eine Relevanz in der klassischen Musik?

Der Dirigent Michael Jurowski | Bildquelle: Agentur Vladimir Jurowskis Vater Michail | Bildquelle: Agentur Vladimir Jurowski: Es hat eine große Relevanz, aber man findet diese Widerspiegelung meist erst viel später. Alles, was uns umgibt, ist ein Teil von uns. Ich bin voll der Überzeugung, dass wir alle ein untrennbares Netzwerk bilden. Und der Mensch ist auch die Zeit, die ihn umgibt. Und die Zeit beinhaltet auch den Menschen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass man sich ganz bewusst nicht nur mit seinem Instrument und mit seinem Fach abgibt, sondern dass man sich auch Zeit nimmt zu lesen, die Natur wahrzunehmen, andere Menschen kennenzulernen, andere Künste – alles, was wir erleben, vor allem im jungen Alter. Und das sage ich auch zu meinem 16-jährigen Sohn. Alles, was er jetzt durchlebt, prägt ihn. Jetzt merkt er das nicht, aber er wird es merken. Wir gehen alle durch diesen Prozess des Aufsaugens. Und je mehr man in einem bestimmten Alter in sich aufgesogen hat, desto reicher und kompletter ist man. Und jedes Stück Musik, jedes Stück Literatur ist irgendwo ein Mikrokosmos. Warum spielen wir ein Werk? Oder wie können wir die Relevanz in einem Werk überhaupt erkennen?  Nicht jeder Künstler muss unbedingt analytisch veranlagt sein, aber jeder muss imstande sein, sich bestimmte Fragen zu stellen. Und vor allem, wenn wir dann damit auf die Bühne gehen, müssen wir imstande sein, diese Fragen vor dem Publikum zu beantworten. Und das versuche ich in jeder Probe und in jeder Zusammenarbeit weiterzugeben, selbst wenn diese noch so kurz ist.

Ist Starkult noch zeitgemäß?

BR-KLASSIK: Sie sind in München bei "Stars and Rising Stars" dabei. Wie passt dann dieser Begriff "Star" überhaupt noch rein? Was sind Stars heutzutage? Sie haben vielleicht etwas Abgehobenes an sich oder vielleicht ein paar Marotten. Aber ist dieser Begriff nicht eigentlich komplett überholt?

Vladimir Jurowski: Total. Aber diesen Titel habe ich ja auch nicht erfunden. Ich finde es jedoch ein schönes und wohltuendes Konzept, dass Leute, die bereits auf einer bestimmten Höhe angekommen sind, anderen dabei helfen, diese Höhe auch zu erreichen. Deswegen mache ich da auch mit. Aber den Titel finde ich, ehrlich gesagt, grauenhaft.

So lange wir imstande sind zu leuchten, sind wir alle Sterne an diesem musikalischen Firmament.
Vladimir Jurowski

BR-KLASSIK: Manchmal habe ich den Eindruck, gerade dieser Starkult ist überholt. Und wenn man sich das dann so im kosmischen Sinne überlegt – schweben wir alle ja schon fast irgendwie in Richtung verglimmender Stern …

Vladimir Jurowski: So lange wir imstande sind zu leuchten, sind wir alle Sterne an diesem musikalischen Firmament. Es gibt größere und kleinere Sterne. Aber wir wissen, die Größe der Sterne hat eigentlich mit ihrer größeren beziehungsweise kleineren Entfernung zur Erde zu tun. Also geht nicht um die Größe, es geht um die Nähe.

BR-KLASSIK: Wie füllt man denn das Leben als Künstler oder junge Musikerin – außer mit einer Form von Virtuosität?

Vladimir Jurowski: Mit Menschsein! Das ist das einzige Rezept, das ich kenne. Und Menschsein beinhaltet eben alles.

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