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Countertenor Jochen Kowalski wird 70 "Ich war ein kleiner Exot"

Als die Händel-Renaissance Anfang der 1980er Jahre noch ganz am Anfang war, die historische Aufführungspraxis noch in den Kinderschuhen steckte und Countertenöre auf der Opernbühne eher die Ausnahme bildeten, war er einer der ersten, der die von hoher Männerstimme gesungene Alte Musik wiederentdeckte. Jochen Kowalski war ein Vorreiter seines Fachs. Ins Theater ist er schon als Jugendlicher hineingewachsen, fing als Requisiteur an der Berliner Staatsoper an und wurde dann zum Star der Komischen Oper, mit der er damals noch zu DDR-Zeiten auch mehrmals im Westen gastierte.

Jochen Kowalski 2019 zu seinem 65.  | Bildquelle: picture alliance/dpa | Britta Pedersen

Bildquelle: picture alliance/dpa | Britta Pedersen

Eigentlich wollte Jochen Kowalski Heldentenor werden. Seine Idole waren die Wagner-Sänger Franz Völker und Max Lorenz, letzterer ein Metzgerssohn wie er. Ihnen lauschte er als Jugendlicher auf Platte und sang die Partien mit, mit hehrem Wunsch, wie er sich erinnert: "Das war eigentlich mein Lebenstraum, einmal in silberner Rüstung in Bayreuth auf der Bühne stehen und zu singen: ‚Mein lieber Schwan‘. Naja, es kam alles anders."                                                     

Durch Zufall und Spaß zum Countertenor-Fach

Nie wäre Jochen Kowalski auf die Idee gekommen, als Mann so hoch singen zu wollen. Dieses Talent hat er an der Hochschule eher zufällig entdeckt, als er aus Spaß einmal den Gesangspart einer Altistin übernahm. Im damals noch neuen Fach des Countertenors war er ein Wegbereiter, hat sich aber nie als einer gefühlt: "Also als Pionier kam ich mir nie vor, dass ich was Bahnbrechendes gemacht habe. Ich war so ein bisschen ein kleiner Exot in der kleinen DDR.“

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Komische Oper Berlin Künstlerische Heimat

Schon früh kam Jochen Kowalski ins Ensemble der Komischen Oper im damaligen Ost-Berlin. Das Haus war Jahrzehnte lang seine künstlerische Heimat, der Intendant Werner Rackwitz und der Regisseur Harry Kupfer waren seine Opernfamilie. "Ich wurde vom Fleck weg per Handschlag engagiert. Obwohl sie gar nicht wussten, was sie mit mir anfangen sollten. Und dann kam Kupfer auf die geniale Idee im Boris Godunov den Sohn des Zaren Fjodor mit mir zu besetzen. Das ist eigentlich eine sogenannte Hosenrolle, und das war dann das erste Mal, dass ein Mann diese Rolle gesungen hat."       

Und jetzt kommt so'n Kleener aus Ostberlin und singt den Damen die Partie weg.
Jochen Kowalski über seine Premieren-Ängste bei seinem ersten Orlowski in der Fledermaus                  

Durchbruch mit Händel und Rossini

Jochen Kowalski als Tancredi von Rossini in Berlin 1994  | Bildquelle: picture-alliance / ZB | Hubert Link Jochen Kowalski 1994 als Tancredi von Rossini | Bildquelle: picture-alliance / ZB | Hubert Link Seinen großen Durchbruch hatte Kowalski kurz darauf in der Titelrolle von Händels Giustino, in der er allein in Berlin insgesamt 99 Mal auf der Bühne stand. Mit Rossinis Tancredi erweiterte er später nicht nur sein Repertoire, sondern auch das eines Countertenors. Und noch eine weitere Rolle hat Jochen Kowalski für die hohe Männerstimme erobert: den Orlofsky in der Fledermaus von Johann Strauß – eine Partie mit amtlicher Messlattenhöhe, wie sich der Sänger erinnert: "Weil die ganzen Wiener Damen-Orlowskys saßen unten in der Premiere, also die großen Darstellerinnen dieser Partie. Und jetzt kommt so‘n Kleener aus Ostberlin und dann noch ein junger Mann und der singt den Damen die Partie weg. Das war für mich selbst überraschend, dass die Leute so getobt haben, dass ich das Couplet da capo singen musste."   

Ende 2022 hat sich Jochen Kowalski von der Opernbühne verabschiedet, als echtes Theaterpferd hat er jedoch etwas Neues für sich entdeckt, nämlich die fast vergessene Gattung des rezitierten Konzertmelodrams. Nun, quasi in Rente, scheint die richtige Zeit für ihn: "Ich hatte immer nicht den Mut das zu machen, und jetzt im Alter hab ich es gewagt. Und es befriedigt mich genauso wie ein Giustino oder ein Tancredi. Es ist einfach schön."

Lebensrolle: Orfeo von Gluck

Mit seiner warmen Altstimme voller Virtuosität und voller Emotion hatte Jochen Kowalski seinerzeit Türen aufgestoßen. Und vor allem eine Partie hat er zu seiner Lebensrolle gemacht: Glucks Orfeo. "Ich hab den Orpheus immer bezeichnet als meinen Tristan. Weil diese Partie fordert nicht nur gesanglich, sondern auch körperlich und geistig alles. Da ich den richtigen Tristan nie singen konnte, hab ich mich damit getröstet. Aber es war ein wunderbarer Trost."

Sendung: "Allegro" am 30. Januar 2024 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK                

Kommentare (1)

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Mittwoch, 31.Januar, 13:08 Uhr

oliver fiedler

Einer der ersten? Und was ist mit den anderen?

DER erste war wahrscheinlich Klaus Haffke
(er wird dieses Jahr 75)
aber offenbar wird Mann nur mit Oper öffentlich wahrgenommen...

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