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Paris - 7. März 1983 Claude Vivier wird erstochen

Kein Drehbuchschreiber hätte die Geschichte dazu vermutlich besser erfinden können: Der 34-jährige franko-kanadische Komponist Vivier ist seit einigen Monaten in Paris, um an einer Oper zu schreiben. Er kennt die internationale Szene. Bereits zum Studium war er u.a. bei Karlheinz Stockhausen in Köln, steht in enger Verbindung zu den französischen Spektralisten um Gerard Grisey. Vivier ist auf gutem Weg, sich auch in Europa einen Namen zu machen. In seiner Heimatstadt Montreal ist er schon vielfach ausgezeichnet und mit Aufträgen bedacht. Doch dann kommt alles ganz anders.

Der kanadische Komponist Claude Vivier | Bildquelle: J.A. Billard

Bildquelle: J.A. Billard

Unsterblichkeit der Seele

Man findet Viviers Leichnam in seinem Pariser Atelier neben einer Skizze mit dem Titel "Glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele?": Das Werk handelt von einer Person namens Claude, die durch das nächtliche Paris irrt und in der Metro auf einen Fremden trifft. Nach kurzem Geplänkel sticht der Fremde seinem Gegenüber unvermittelt ein Messer direkt ins Herz - und genau an dieser Stelle bricht die Partitur ab.

Zufall? Schicksal? Inszenierung?

Genauso singulär, befremdlich und mysteriös wie sein Tod scheint auch das gesamte Oeuvre von Claude Vivier. Seine Klangsprache passt irgendwie in keine Schublade. Stark beeinflusst ist Vivier von der Kultur und Musik aus Bali, Thailand und Japan, die er in Reisen kennenlernte. Er liebt den Gong als Instrument und sucht schon früh nach Trance und Transzendenz in seiner Musik. Und vor allem liebt er die menschliche Stimme, für die er gerne in einer erfundenen Sprache schreibt, in ewig dahinfließenden schwerelosen Linien ohne Berührungsängste mit der vermeintlich banalen Dur-Moll-Tonalität.

Exzentrischer Einzelgänger

Claude Vivier war gewiss ein seltsamer Einzelgänger, einer mit exzentrischem Lebenswandel, vorzugsweise im Homosexuellen-Milieu, wie auch offenbar in seiner ominösen letzten Nacht: Als Täter wurde ein 19-jähriger Stricherjunge festgenommen. Die Seele von Claude Vivier lebt natürlich mit und in den knapp 50 hinterlassenen Werken unsterblich weiter, manche davon so rätselhaft wie Leben und Tod dieses entdeckungswürdigen Komponisten.

Claude Vivier: Lonely Child für Sopran und Orchester (1980)

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