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Köln - 28. Februar 2016 Skandal-Konzert um Mahan Esfahani

Kurz nach 17.00 Uhr: Applaus in der Kölner Philharmonie für den Cembalisten Mahan Esfahani und das Ensemble Concerto Köln. Schon seit über einer Stunde spielen sie ein nettes Sonntagskonzert: Musik von Bach, Musik von Górecki. Nun greift Mahan Esfahani zum Mikrofon und kündigt ein Solostück an.

Cembalist Mahan Esfahani | Bildquelle: Marco Borggreve

Bildquelle: Marco Borggreve

"Piano Phase" von Steve Reich

Minimal Music, bei der der Pianist mit einem Klavier vom Tonband quasi Wettrennen spielt, erklärt Esfahani. Er erklärt es auf Englisch. Im Publikum sitzen viele ältere Leute. Nicht jeder versteht, was der Musiker sagt. Irgendwo ruft sogar einer: "Sprechen Sie gefälligst Deutsch!"

Mahan Esfahani, der aus dem Iran stammt, lässt sich nicht irritieren. Charmant erzählt er, wie sehr er die Musik von Steve Reich liebt. Und dass Reich selbst ihm geraten hat: "Spielen Sie doch mein Klavierstück einfach auf dem Cembalo!"
Und das tut Esfahani jetzt. Das heißt: Erstmal setzt er sich Kopfhörer auf. Dann holt er ein Tablet hervor, drückt umständlich darauf herum - Stirnrunzeln im Publikum. Es dauert ein Weilchen, bis das Cembalo vom Tonband startet. Dann setzt auch Esfahani ein. Dieselbe Phrase, wieder und wieder. Und doch: Wenn man genau hinhört, nimmt man plötzlich feinste Veränderungen wahr.

Seien Sie doch froh, diese Musik hören zu können!
Mahan Esfahani

Minimal Music - eine Zumutung für das Publikum?

Aber in Köln hören viele nicht genau hin. Sie tuscheln, sie murmeln, sie lachen. Sie halten Steve Reich für einen Witz. Sie beginnen mitten im Stück zu applaudieren. Vergeblich kämpft der einsame Cembalist gegen den Lärmpegel an. Dann geht es einfach nicht mehr. Mahan Esfahani muss abbrechen. "Seien Sie doch froh, diese Musik hören zu können!", wendet er sich nochmal ans Publikum, bevor er das Podium verlässt. "Im Iran, wo ich herkomme, ist sie verboten!"

Reaktionen in den Medien

Rasch macht die Nachricht vom Skandal-Konzert die Runde in den Feuilletons: "Kölner Publikum pöbelt gegen iranischen Musiker", so lauten die Schlagzeilen. Die Störer, schreibt einer, der gar nicht vor Ort war, seien die gleichen, "die Ausländerkindern mit besoffenem Atem 'Wir sind das Volk' entgegenkeifen".

Aber war es wirklich Rassismus - oder doch eher die Ratlosigkeit eines Publikums, das experimenteller Musik noch nie zuvor begegnet war? Der Karriere von Mahan Esfahani jedenfalls hat das Skandal-Konzert nicht geschadet. Kurze Zeit später erscheint seine nächste CD. Und am 1. März 2017 wird der Iraner Steve Reichs "Piano Phase" nochmals in der Kölner Philharmonie in einer Fassung für Cembalo und Tonband aufführen - dann aber in voller Länge.

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