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Igor Strawinsky Le sacre du printemps

Kakophonie. Das Werk eines Wahnsinnigen. Ein von Idioten gemachtes Ding. Solche Schmähungen musste Igor Strawinsky für "Le sacre du printemps" über sich ergehen lassen. Aber wie so oft machen Skandale berühmt. Nach dem Fiasko der Uraufführung des für Serge Diaghilevs Ballets russes komponierten Stücks kennt jeder den Namen Strawinsky, und aus dem einstigen Publikumsschocker wurde bald ein Klassiker der Moderne. Florian Heurich hat sich mit dem Dirigenten Philippe Jordan über Genialität und Schockwirkung von "Le sacre du printemps" unterhalten.

Igor Strawinsky | Bildquelle: Paul Sacher Stiftung, Basel

Bildquelle: Paul Sacher Stiftung, Basel

Es ist einer der größten Skandale der Musikgeschichte. Die Uraufführung von Strawinskys "Le sacre du printemps" in der Choreographie von Waslaw Nijisky 1913 am Pariser Théâtre des Champs-Elysées, sie endet im Tumult. Barbarisches Ritual und ekstatische Zuckungen anstatt grazile tänzerische Leichtigkeit. Ein aufs Wesentliche reduziertes Dekor anstatt Bühnenopulenz. Und eine radikal moderne Musik. Das Premierenpublikum reagiert mit Pfiffen, Gelächter, Protestrufen und sogar Handgreiflichkeiten.

Nicht die Musik ist der Skandal

"Ich glaube es war weniger die Musik, die den Skandal verursacht  hat", sagt Philippe Jordan. "Das wird ja immer gern behauptet. Ich glaube das nicht, weil der 'Feuervogel' zwei Jahre davor ähnlich modern klang, und dieses Werk erntete einen riesiger Erfolg. Den großen Skandal beim 'Sacre' verursachten die Kostüme und die Art des Tanzes. Die Schritte, die wirklich weggingen von dem üblichen Tanz: Es wurde auf der Bühne gestampft, man hat die Beine nicht mehr gesehen, und die Kostüme waren bewusst hässlich und primitiv. Ich glaube, das war der eigentliche Skandal. Und natürlich hat man das dann auch auf die Musik übertragen."

Es ist eine sehr einfache und starke Musik.
Philippe Jordan

Und vielleicht war es auch die Evokation einer archaischen, vor-zivilisatorischen Gesellschaft, die das Publikum an Strawinskys Ballett verunsichert und provoziert hatte. "Es geht um starke Gefühle der Menschen in einer prähistorischen oder altrussischen Zeit", sagt Philippe Jordan. "Im zweiten Teil nimmt dann der Ritus, der in dem Werk geschidert wird, barbarische Züge an: Eine Jungfrau opfert sich für den Frühling, für ein gutes Jahr, eine gute Ernte, und  tanzt sich zu Tode.

Der Dirigent Philippe Jordan | Bildquelle: © Francois Leclercq Der Dirigent Philippe Jordan | Bildquelle: © Francois Leclercq Dieser grausame Akt spiegelt sich natürlich stark in der Musik wider: Die Musik, so modern und komplex auch immer sie klingt, ist eigentlich eine sehr einfache und starke Musik. Es sind altrussische Melodien, die sich ständig wiederholen und dadurch diesen rituellen Charakter erhalten. Es gibt ja keine motivisch-thematische Arbeit. Die kommt nicht vor. Deswegen wirkt die Musik so elementar und direkt."

"Anbetung der Erde" und "Das Opfer" - so heißen die Titel der beiden Teile von "Le sacre du printemps". Die Anbetung der Erde wird durch einen Frühlingsreigen, durch männlich-protzige Wettkampfspiele und durch rituelle Tänze zelebriert. Am Anfang jedoch steht eine ganz einfache Phrase des Solofagotts. "Dieses Fagottsolo am Anfang ist ein Zitat", so Philippe Jordan. "Es ist eine altrussische Melodie, die damals auch zu Hochzeiten gespielt wurde. Und Strawinsky hat sie dem Fagott gegeben in einer Lage, die wirklich nicht nach einem Fagott klingt. Es sollte so klingen wie ein Urinstrument - ein Urhorn oder eine Urflöte vielleicht. Und das macht diesen Anfang so besonders. Es symbolisiert für mich diesen erste Keim des Frühlings, wo der Samen aufgeht und plötzlich die Natur erwacht. Das ist einfach schlichtweg genial."

Inspiration durch Volkskunst

Aus diesem ersten zaghaften Aufkeimen der Natur erwachsen in raffinierter Klangdramaturgie die verschiedenen Stadien des Opferrituals. Strawinsky war eigens in sein Heimatland gereist, um Material für den "Sacre" zu sammeln. In dem Dorf Talaschkino bei Smolensk, einem Zentrum für russische Volkskunst, fand er Hinweise auf altes Brauchtum, notierte ein paar Volkslieder und entwarf damit sein Stück, das er "Bilder aus dem heidnischen Russland" nannte.

Am Schluss: der Tod

Der zweite Teil des Balletts, in dem das eigentliche Opferritual vollzogen wird, beginnt sehr verhalten.Quasi als Ruhe vor dem Moment, in dem das Mädchen ausgewählt wird, beschreibt die Musik diverse rituelle Handlungen, bevor sich das Opfer schließlich in wilder Ekstase zu Tode tanzt. Am Schluss von "Le sacre du printemps" werden die immer gleichen musikalischen Strukturen in ständiger Steigerung wiederholt. "Als ob man sich dreht und dreht und dreht bis einem dann plötzlich die Luft wegbleibt", beschreibt Philippe Jordan diesen Effekt. "Das ist ja von Strawinsky am Schluss genial gemacht, wenn plötzlich die Musik nochmal inne hält im vorletzten Takt, und dann in einem grauenhaften Akkord zum Schluss das Guillotine-Beil fällt. Man beachte die Noten in den Bässen des Orchesters im letzten Takt: Es sind die Töne D-E-A-D, also 'Dead', ein Symbol für den Tod. Das ist einerseits natürlich sehr spielerisch. Aber es hat auch eine Grausamkeit, die ihresgleichen sucht."

Musik-Info

Igor Strawinsky:
Le sacre du printemps


Orchestre de l’Opéra National de Paris
Leitung: Philippe Jordan
Label: Naive

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